Syburg - Erinnerungen Übersicht

Als Syburger Junge, Jahrgang 1946, kann ich mich noch an so manches erinnern. Auch an Willi Kuhlmann, der zusammen mit seiner Frau Emmy oben bei seinen Eltern in beengten Verhältnissen in der Schule wohnte, oben über der "Kleinen Klasse". In der Pause fütterten wir Kuhlmanns Hühner mit den harten Krusten von unserem Pausenbrot.

Das waren noch Zeiten, als Siepens Fritz (Fritz Siepmann) mit seinem bissigen Gaul Max zur Zeche Gottessegen fuhr, dort einige "Kasten Kohle" für die Syburger Bergmänner abholte und denen zuhause vor's Kellerfenster kippte.

Als bei Bauer Brass noch mit der fahrbaren Dreschmaschine im Winter gedroschen wurde und der ebenfalls fahrbare Elektromotor für den Antrieb so viel Strom zog, dass bei jeder neuen Garbe, die in die Dreschmaschine gesteckt wurde, bei uns das Licht dunkler wurde.

Als meine Mutter im Sommer noch Sonntag für Sonntag an der Ruhrbrücke saß und Eismann-Eis am Stiel verkaufte, um das schmale Haushaltsgeld etwas aufzubessern, während mein Vater mehrere hundert Treppenstufen höher vor der noch zerstörten Viaduktbrücke die Fahrradwache der Kriegsbeschädigten betreute.

Damals kamen die Städter noch per Bus Linie 61, mit dem Fahrrad oder Motorrad, um im Paddelboot auf dem Hengsteysee ihr Wochenende zu verbringen. Die Bessergestellten hatten auf der Halbinsel ein winziges Wochenendhaus mit Seeblick. In einem Bootshaus konnte man dort sein Klepper-Faltboot bis zum nächsten Wochenende einlagern oder sogar überwintern. Wer kein eigenes Boot hatte, konnte am Bootsanleger an der Ruhr ein eisernes Ruderboot stundenweise mieten. Für eine größere Wanderung bot sich an, mit dem Ausflugsdampfer bis ans Wehr bei Hengstey zu fahren und auf der anderen Seeseite wieder zurückzulaufen.

Das waren noch Zeiten, als noch einmal jährlich das große Seifenkistenderby auf den gesperrten Serpentinen ausgetragen wurde und dazu eine hölzerne Startrampe quer auf der Fahrbahn aufgebaut wurde. Die Brücke unten am See lag noch in Trümmern, Duchgangsverkehr gab es nicht. Wir hatten eine absolut ruhige Spielstrasse ganz ohne Autoverkehr.

Als die Syburger Pfingstkirmes noch unten rund um die Kaisereiche stattfand. Die Fahrgeschäfte bauten ihre Karussels auf Grieb's Wiese auf, wo heute das Gemeindehaus steht. Ein großer Kettenflieger und ein Pferdekarussel war auch dabei. Erst viel später verzog sich das alles auf Provinz Kamp gegenüber der Schule und die Parkplätze in der Nähe der damaligen Post, jetzt Pfarrerwohnhaus.

Als wir beim Friseur Karl Müller in der Markusstrasse anfangs noch für 50, später dann für 70 Pfennige die Haare geschnitten bekamen. Seine Scheren waren zwar nicht die Schärfsten und so manches Haar hat er uns deshalb schmerzhaft ausgerissen. Wir hatten alle den Karl-Müller-Einheitsschnitt - fast alle in der Klasse.

Gleich unter seinem Grundstück hatten wir ein kleines Gartenstück gepachtet, auf dem Gemüse und Blumen angebaut wurden. Jeder war damals froh, ein paar Bohnen aus dem eigenen Garten oder im Winter Johannisbeergelee von den eigenen Sträuchern zu haben.
Mit den Blumen ging ich als Dreikäsehoch zu Hanna Schröer in die Gastwirtschaft. Sie freute sich immer über große Blumensträuße für die Schankstube. Zum Dank bekam ich dann ein Eis zu 20 im Waffelhörnchen. Selbstgemachtes Eis - ein Genuß.

Damals, als Lebensmittelhändler Graskamp, der auch Metzger war, morgens in aller Frühe in seiner weißen Gummischürze mit den Messern an der Seite und schwarzen Gummistiefeln an den Füßen über die Hohensyburgstrasse lief, war jedem klar: da hat das letzte Stündlein einer Sau geschlagen. Bald ist Schlachtfest.

Als Emma Brembt noch bei Wind und Wetter mit der großen Milchkanne von Haus zu Haus zog und lose Milch verkaufte und dabei so manche Neuigkeit unter's Volk brachte. Immer freundlich und bescheiden.

Als in der Schmiede bei Tappmeiers noch der Fallhammer dröhnte und mit gewaltigen Hammerschlägen Schiffszubehör geschmiedet wurde. Auf Bestellung wurden auch Feuerhaken und Aschekästen für den heimischen Kohleherd angefertigt oder die Pferde der umliegenden Bauern beschlagen.

Als Postbote Robert Clemens die Postkarten und Briefe noch persönlich an der Haustür abgab und so manches gute Paket von Verwandten aus Amerika dabei hatte. Zuerst mit dem Fahrrad, später dann mit seinem Opel.

Als Fischhändler Krammenschneider noch mit seinem Goliath-Dreirad regelmäßig von Haus zu Haus fuhr und seine frischen Fische zum Verkauf anbot. Man konnte sogar vorbestellen. Bei der nächsten Tour hatte er dann auch Aussergewöhnliches dabei. Spezialitäten wie z.B. Miesmuscheln oder geräucherte Makrelen.

Als mein Großvater monatlich die Lebensversicherungsbeiträge für die Volksfürsorge in bar einkassierte und dabei in so viele Haushalte kam. Uns Steppkes hat er manchmal dabei mitgenommen. Für uns war das eine willkommene Abwechslung und unsere Mutter konnte in der Zeit ungestört ihren Haushalt führen. Damals kannte jeder noch jeden.

Als ich als kleiner Zwerg bei Schneewittchen auf der Naturbühne stand, während mein älterer Bruder Rainer als Teufel hinter dem Spiegel saß und Frau Junge im Souffleurkasten im feuchten Erdloch jedem sein Stichwort zuflüsterte.

Das waren noch Zeiten, an die man sich gerne zurückerinnert, inzwischen aber schon fast ein halbes Jahrhundert her sind.

Meine unbeschwerte Jugend habe ich bis zum 15. Lebensjahr in Syburg verbracht. Heute ist Syburg leider nur noch seltenes Reiseziel. Alle näheren Familienangehörigen sind entweder verstorben oder verzogen. Siedlungsbauaktivitäten haben das Ortsbild von Syburg vollständig verändert. Seit der Eröffnung der Spielbank ist von dem dörflichen Charakter nichts mehr übrig geblieben.

Auch das Wohnhaus, in dem wir nach dem Krieg einquartiert wurden und von da an zur Miete wohnten, damals die "Villa Kemper", ist nach dem Tode von Fabrikant Kemper und seiner Frau verkauft worden und zum "Gasthaus Gretz" umgestaltet worden. Das, was uns Heimat war, hat Stück für Stück ein anderes Gesicht bekommen.

(Text: Bernd Kunze, Rudersberg)


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Stand: 28.3.2000