Der Bau des Hengsteysees Übersicht

Die Bauarbeiten am Hengsteysee

Von Oberingenieur Franz und Oberingenieur Winter

Das Bauprogramm umfaßte die Errichtung des Wehres mit Kraftwerk, hierzu etwa 150000 m³ Bodenaushub, meist Unterwasserbaggerung, 5000 m² Baugrubenumspundung, 30000 m³ Beton für Wehrboden, Pfeiler und Krafthausunterbau in 2 Bauabschnitten und einer Gesamtbauzeit von 18 Monaten. Die Ausführung der Arbeiten war der Firma Peter Bauwens in Köln übertragen. Der erste Spatenstich erfolgte Anfang April 1926. Das Wehr und Kraftwerk ist in Schieferfelsen, der 6 m unter der Flußsohle angetroffen wurde, gegründet, und zwar das Wehr 2 m tief, das Kraftwerk 4 m tief in gesundem Felsen. Der erste Bauabschnitt umfaßte die linke Wehrhälfte mit Kraftwerk in einem 120 m langen und 60 m breiten Arbeitsfeld. Die Ruhr floß während dieser Zeit im alten Bett weiter.

Am 15. Oktober und 1. November 1926 wurden die Bauarbeiten durch 2 Hochwasser überrascht und ernstlich gefährdet. Das Wasser strömte über die Baugrubenumspundung hinweg und riß diese auf etwa 30 m Länge ein. Mehrere Arbeitsbrücken und ein Teil der Schalungen im Krafthausunterbau wurden durch die Fluten zerstört.

Der milde Winter 1926/27 gestattete jedoch, die Arbeiten ununterbrochen weiterzuführen und die Hochwasserschäden ohne Änderung des Zeitprogramms zu heilen. Im März 1927 wurde der zweite Bauabschnitt in Angriff genommen und die Ruhr durch die fertiggestellte Wehrhälfte abgeleitet, für die während des Winters die 6 m hohen und 32 m langen versenkbaren Walzenverschlüsse in trockener Baugrube montiert waren. Die Lieferung und Montage der Wehrverschlüsse war der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg A. G. (M.A.N.) Gustavsburg übertragen worden. Die Bauarbeiten im 2. Abschnitt für 2 weitere je 30 m breite Wehröffnungen waren im August 1927 beendet, so daß auch hier im September die Montage der Wehrverschlüsse beginnen konnte.

Inzwischen war auch der Krafthaushochbau fertiggestellt. Dieser ist in Beton ausgeführt und bildet konstruktiv einen dreistieligen Rahmen. Die eine Hälfte nimmt die 35 m lange und 15 m hohe Krafthaushalle und die andere Hälfte das Schalthaus auf. Auf den inneren Pfeilern ist eine durchgehende Kranbahn in Eisenbeton angeordnet. Dach und Wände sind ebenfalls aus Beton ohne Innen- und Außenputz ausgeführt. Der Krafthausunterbau enthält die Turbinenkammern (Spiralen) und die Ausläufe (Saugschläuche). Die letzteren lassen sich unterwasserseitig mit Dammbalken verschließen. Diese Dammbalken lagern in dem über den Saugschläuchen angeordneten Dammbalkenraum. Darüher befindet sich ein Bedienungsgang zu den Ölschalter- und Transformatorenzellen. Über diesem Bedienungsgang ist ein völlig vom Krafthaus getrennter öffentlicher Durchgang zu den Bedienungsstegen der Wehranlage vorhanden. Oberwasserseitig, dem Krafthaus vorgelagert, befindet sich die Rechenbühne für die Rechenreinigungsmaschine, die Schnellverschlußorgane für die Einläufe zu den Turbinen und der Rechen. Die Schnellverschlüsse sind durch Öldruck betätigte Rollklappen, Patent Escher-Wyss und M. A. N. Unterwasserseitig ist das dreistöckige Schalthaus in Verbindung mit dem Krafthaus angebaut. Die umstehende Abbildung stellt einen Querschnitt der Anlage dar. Die Turbinen sind von Escher-Wyss, Ravensburg geliefert. Es sind zwei Kaplanturbinen mit beweglichen und 1 Kaplanpropellerturbine mit festen Laufradschaufeln eingebaut. Die Regulierung der Turbinen erfolgt von Öldruckreglern Patent Escher-Wyss, die Verstellung der Laufradschaufeln bei den Turbinen mit beweglichen Schaufeln durch einen Servomotor, der zwischen Turbinen und Generator-Kupplungsflansch untergebracht ist. Jede Turbine leistet bis 1400 PS.

Für die Stromerzeugung sind die Turbinen mit je einem vertikalen Drehstrom-Synchron-Schirm-Generator gekuppelt. Die Erzeugungsspannung ist 10500±5% Volt. Auf dem Wellenende des Generators ist die Erregermaschine aufgebaut. Die erzeugte Energie wird durch Kabel den Sammelschienen zugeführt. Die Schaltanlage ist auf der Zwischendecke im Krafthaus untergebracht und besteht aus einem Doppelsammelschienensystem mit 11 Feldern und den zugehörigen Trenn- und Ölschaltern. Von einem besonderen Schaltpult, welches auf der gleichen Zwischendecke steht, werden die Schaltungen durch Fernbetätigung vorgenommen. Dem Schaltpult gegenüber ist eine Niederspannungsverteilungs-Schalttafel für die Verteilung des Eigenbedarfstromes der Anlage aufgestellt. Eine Gefahrmeldeanlage spricht bei einer Störung an und gestattet auch zu jeder Zeit eine Überwachung der Turbinen- und Generatorlagertemperaturen. Die Zähleranlage ist in einem besonderen Schrank untergebracht. Neben dem Schaltpult ist auch das Schaltpult für die Fernsteuerung des Kraftwerks Stiftsmühle (Seite 21), welches ohne Bedienung betrieben wird, aufgestellt. Im Dachgeschoß des Krafthauses ist eine Gleichstrombatterie, 220 Volt, für die Betätigung der Ölschaltersteuerungen und für die Notbeleuchtung untergebracht. Den gesamten elektrischen Teil lieferten die Siemens-Schuckertwerke A. G., Berlin. Die in der Anlage erzeugte Strommenge wird an das Rhein.-Westf. Elektrizitätswerk abgegeben. Das Rhein.-Westf. Elektrizitätswerk ist Pächterin der Anlage und führt den Betrieb mit eigenem Personal.

Eine eingebaute Wasserstandsfernmeldeanlage zeigt die Ober- und Unterwasserstände jeweilig dem diensttuenden Schaltwärter an. In dem auf einer Anhöhe auf dem rechten Ufer des Sees errichteten Wehrmeisterhaus werden die Wasserstände der Ruhr, Lenne, Volme, sowie die Ober- und Unterwasserstände am Krafthaus Hengstey und des etwa 1 km unterhalb liegenden Kraftwerks Stiftsmühle, sowie die durch die Turbinen abfließenden Wassermengen angezeigt und registriert. Die Fernmeldeanlagen nach System "Aegir" sind von der Firrna Georg Bloch A. G., Dresden geliefert.

Im Anschluß an den Wehrbau führte der Ruhrverband im Auftrage des Rhein.-Westf. Elektrizitätswerkes A. G. in Essen noch den Bau einer Eisenbahn- und Straßenbrücke 30 m unterhalb des Wehres aus. Unternehmer waren für den bautechnischen Teil die Firma Peter Bauwens und für die eisernen Überbauten die Firma Flender A. G. in Benrath.

Die Ausbaggerung des Ruhrvorlandes auf die jetzige Tiefe des Sees war der Firma Hoch-Tief A. G. in Essen übertragen worden. Die Arbeiten umfaßten die Baggerung, den Transport und den Einbau von rund 700000 m³ Bodenmassen sowie die Befestigung der neuen Ufer mit Bruchsteinen. Die Anschüttungsflächen wurden für die Anlage von Strandbädern freigegeben.

Das Pumpspeicherwerk Hengstey, am Fuße des Berghanges, ist mit dem zugehörigen Hochspeicherbecken Eigentum des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerkes A.-G. in Essen und unter dessen Leitung errichtet. Mit den Arbeiten wurde im Herbst 1927 begonnen. Sie sind im Frühjahr 1930 beendet worden. Auf den Höhen des Ardeygebirges wurden rund eine Million m³ Boden, meist Fels, gefördert. Die 1200 m lange Umschließungsmauer enthält rund 240000 m³ Beton. Die Arbeiten wurden von einer Arbeitsgemeinschaft der Firmen Hoch-Tief, Essen, Ph. Holzmann, Düsseldorf und Butzer, Dortmund durchgeführt. Das Maschinenhaus, das die Pumpen und Turbinen sowie den elektrischen Teil der Anlage enthält, ist auf dem gewachsenen Ruhrfels gegründet. Hier war die Firma Polensky & Zöllner, Köln an der Arbeit. Die Rohrleitungen sind von der M.A.N. und der Firma Voith hergestellt und montiert. Den elektrischen Teil der Anlage erstellten die Firmen Siemens-Schuckert und die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft, Berlin. Die Pumpen und Turbinen samt den neuartigen Kupplungen stammen von den Firmen Sulzer, Ludwigshafen und Voith, Heidenheim a. d. Brenz.

Zu dem Gesamtprogramm ist noch die Ausführung der 300 m langen Hohensyburgbrücke zu rechnen. Die Arbeiten wurden auf Grund eines Wettbewerbes der Firma Ph. Holzmann A. G. übertragen. Die Brücke zeichnete sich in konstruktiver Hinsicht und in der Art der Entlastung des Baugerüstes durch neuartige Methoden aus.

Zum Bau der Gesamtanlage waren 6 Eisenbahnanschlüsse erforderlich, auf denen etwa 200000 t Baustoffe antransportiert wurden. Die Reichsbahndirektion Elberfeld hat die Anlage der wichtigen Zufuhrgeleise zu den Hauptarbeitsstätten aus ihrem Bahnhof Hengstey heraus unterstützt.

Bei der Planung und Ausführung des Hengsteysees haben die Landesanstalt für Gewässerkunde im Preuß. Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten sowie die Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau in Berlin gutachtlich und beratend mitgewirkt.

Es wird noch auf die Veröffentlichungen in der Fachpresse hingewiesen, welche die interessanten ingenieurtechnischen Lösungen von Anlage, Bau- und Betriebsweise des Gesamtunternehmens und der Arbeitsmethoden eingehend schildern.

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Quelle:

Der Hengsteysee im neugestalteten Ruhrtal als Erholungsstätte und Kraftquelle

Herausgegeben von der Seegesellschaft m. b. H. Hengstey,
bearbeitet
von Dipl.-Ing. Oskar Spetzler, Essen
und Dipl.-Ing. Hans Strobel, Dortmund
Im Selbstverlag der Seegesellschaft m. b. H. Hengstey
Essen - Ruhrhaus, 1930

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Stand: 28.3.2000